An der Schnittstelle von Geopolitik, Geldpolitik und strukturellem Wandel
Zentralbanken müssen Preisstabilität und Wachstum gegeneinander abwägen. Für aktive Investoren entstehen durch die geldpolitische Entkopplung neue Chancen.

Zentralbanken müssen Preisstabilität und Wachstum gegeneinander abwägen. Für aktive Investoren entstehen durch die geldpolitische Entkopplung neue Chancen.
„Die Zentralbanken stehen vor einer Herausforderung: Sie müssen die Zügel soweit anziehen, dass sich die Inflation nicht festsetzt, ohne dabei eine Rezession auszulösen.“
Head of International Rates, Vanguard Europe

In den vergangenen Monaten dominierte die Geopolitik, allerdings rücken inzwischen auch andere Makro-Faktoren wieder in den Blick der Märkte. Die Lage im Nahen Osten hat nach wie vor grossen Einfluss, doch die Zentralbanken finden zurück in ihre Rolle. In ihrer Geldpolitik und Konjunkturentwicklung driften die einzelnen Wirtschaftsräume dabei immer weiter auseinander, das Marktumfeld wird entsprechend komplexer. Für aktive Investoren bedeutet das: mehr Chancen.
Die Rhetorik der Zentralbanken ist restriktiver geworden, sowohl die Europäische Zentralbank (EZB) als auch die Bank of Japan (BoJ) ziehen die Zügel an.
Hier zeichnet sich eine umfassendere Rekalibrierung ab: Die Zentralbanken nehmen sich der Inflation an und suchen nach der richtigen Balance zwischen Eindämmung und Wachstumsrisiken.
Die Herausforderung: Sie müssen die Zügel soweit anziehen, dass sich die Inflation nicht festsetzt, ohne dabei eine Rezession auszulösen. Allerdings sind die Zielkonflikte, die es abzuwägen gilt, nicht in allen Volkswirtschaften dieselben, was sich in den unterschiedlichen geldpolitischen Entscheidungen widerspiegelt.
Das geopolitische Risiko ist nicht weg, hat sich jedoch verschoben, nachdem die Absichtserklärung zwischen den USA und dem Iran von den Märkten überwiegend positiv aufgenommen wurde.
Der Inhalt der Vereinbarung macht allerdings deutlich, dass es sich um eine vorläufige Vereinbarung handelt – und für die Märkte ist vor allem die Implementierung entscheidend. Der Schiffsverkehr durch die Strasse von Hormus, eine wichtige Verkehrsader der globalen Energieversorgung, liegt weiterhin weit unter Vorkriegsniveau. Zwar können inzwischen wieder mehr Schiffe die Strasse passieren, doch reichen die Volumen noch nicht aus, um insbesondere in energieabhängigen Regionen wie Asien das Risiko von Engpässen auszuschliessen.
Hohe Investitionen – insbesondere in Künstliche Intelligenz (KI) – stützen die US-Konjunktur und sollen im kommenden Jahr sogar noch steigen. Diese Entwicklung spricht dafür, dass die Technologie kein kurzlebiges Phänomen ist, sondern sich zu einem strukturellen Wachstumsmotor entwickelt.
So wächst die US-Wirtschaft weiter, Sorgen um eine Arbeitsmarktabkühlung haben sich nicht bewahrheitet. Begleitet wird die steigende Wirtschaftsleistung allerdings durch hartnäckige Inflation.
Selbst wenn man Einmaleffekte wie Zölle und die KI-abhängige Nachfrage herausrechnet, liegt die Kerninflation weiterhin über dem Zielwert. Die US-Notenbank (Fed) steht also vor einem Problem, weil sich die Prognosen verschieben.
Bisher drehte sich die Debatte vor allem um mögliche Zinssenkungen, doch inzwischen rückt die Möglichkeit weiterer Zinserhöhungen immer mehr in den Fokus. Diese Neujustierung hat Auswirkungen auf alle Assetklassen, insbesondere jedoch auf diejenigen, die die Stärke des US-Dollars stützen.
Die Kombination aus höheren Wachstumsraten, einem stabilem Arbeitsmarkt und einer restriktiveren US-Geldpolitik lassen kurzfristig eine stärkere US-Währung erwarten, was sich auch in der Portfoliostruktur widerspiegelt: Wir haben unser Exposure auf den Greenback gegenüber anderen Währungen erhöht.
Der längerfristige Ausblick fällt jedoch nuancierter aus. Strukturelle Risiken, etwa die politische Unsicherheit und die Entwicklung der öffentlichen Haushalte, sprechen nach wie vor für eine langfristige Diversifizierung weg von der US-Währung.
Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihren Leitzins im Juni angehoben und damit ihre Entschlossenheit unter Beweis gestellt, ein Ausufern der Inflationserwartungen zu verhindern. Da sich die Konjunktur besser gehalten hat als erwartet, hat die EZB Spielraum. Zwar bestehen weiterhin Risiken, insbesondere bei einem erneuten Anstieg der Energiepreise; in unserem Basisszenario gehen wir jedoch davon aus, dass die Zinsen weiterhin moderat ansteigen können.
In Grossbritannien dominiert dagegen der Einfluss der Politik. Der Rücktritt des Premierministers hat für zusätzliche Unsicherheit gesorgt, doch die Reaktion der Märkte fiel relativ verhalten aus. Britische Staatsanleihen und andere Vermögenswerte haben sich vergleichsweise gut entwickelt, was dafür spricht, dass die Märkte auf sinkende Unsicherheit und marktfreundlichere Politik setzen.
Wir rechnen mit einer Phase der Unsicherheit mit nur geringen Kursschwankungen bis Ende September bzw. Oktober. Bis dahin sollte der Kurs der neuen Labour-Regierung klar sein, der Haushalt dürfte Aufschluss über den finanzpolitischen Kurs des Landes geben.
In Japan sind die Zinsen im Juni gestiegen, doch hält das Tempo der Bank of Japan offenbar nicht mit der Entwicklung Schritt, wie die anhaltende Schwäche des Yen deutlich macht: In Ermangelung entschlossenerer Massnahmen wirkt die Währung als Ausgleichsmechanismus.
In China ist die Lage komplexer: Die offiziellen Daten zeigen Stabilität an, doch die tatsächliche Lage lässt sich nur schwer abschätzen. Viele Beobachter sind zunehmend überzeugt, dass die Konjunkturimpulse über weniger sichtbare Kanäle gesteuert werden, was die Frage nach deren Nachhaltigkeit aufwirft.
Die Kombination aus geopolitischen Risiken, ungewisser Geldpolitik und strukturellen Veränderungen wie dem KI-Investitionsboom erschwert Vorhersagen, welche Schlagzeile die Märkte als nächstes bewegen wird.
Für aktive Investoren zählt daher Flexibilität, mit der sie auf Relative-Value-Chancen reagieren können. Da es kein einzelnes dominierendes Narrativ mehr gibt, hängt Erfolg davon ab, wie man sich an der Schnittstelle zwischen Geopolitik, Geldpolitik und strukturellem Wandel bewegt.
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